Ismarinja

Es ist spät am Abend, das Feuer ist heruntergebrannt und die Glut knistert noch im kleinen, gemauerten Eck-Kamin. Auf dem Tischchen daneben liegen Feuerstab, zerrupfte Flauschsamen mit Wachs, und ein fast geleerter Tonbecher mit Tee, in dem noch ein fein geschnitzter Löffel aus Birkenholz steht.

Das aufflackernde Feuer wirft zuckende Schatten auf die im geflochtenen Sessel versunkene Frau.  Sie ist dort zwischen all den Decken, Tüchern und Fellen fast nicht zu erkennen, das schwache Licht spielt über ihre stark gebräunte Haut, über die geschlossenen, von Lachfalten bespielten Augenlider und bringt hin und wieder den rötlichen Nasenring zum Glitzern.

Plötzlich zucken ihre Augen und sie schüttelt sich leicht, als sie abrupt erwacht. Schnell dreht sie den Kopf zur Türe hin, ihre unterbewusste Wahrnehmung hatte sie zurecht geweckt – der Windstoß, der sie und das Feuer irritierte, kam von der geöffneten Tür.

Im Wald beginnen man schon vereinzelt die großen Nepis-Raupen an den Bäumen aufzuleuchten und mit ihrem diffusen Licht die Nacht willkommen heißen. In der Türe erblickt sie eine kleine Gestalt, die sichtlich verunsichert im Eingang ihrer Hütte steht und sie vorsichtig fragend anschaut.

Ismarinja erkennt den Wasserling sofort, es ist das jüngste Schüppchen aus dem Teich am Bach hinter ihrer Hütte. Der jüngste, unerwartete Spross der Vereinigung, die vor mehreren Sommern auf der Oberfläche des Teiches in ihrem Wäldchen stattfand, und den Frieden zwischen den Wassern und dem Wald weiter stärkte.

»Ah, Sesliab, es ist schon spät, musst du nicht deiner Mutter helfen? Was möchtest du?« »Erm… Ja, deswegen bin ich hier, Tante Ismarinja. Ich… Ich brauche Hilfe!« sagt der kleine, in Teile von Seerosenblättern und Federalgen gekleidete Wasserling schüchtern.

Er wirkt sichtlich verstört, die grünen und roten Wasserlinsen wirbeln schnell auf der dünnen Wasserschicht, die ihn umgibt. Manche von ihnen wirken angefressen, zerrissen sogar. Auch seine Seerosenblätter sind verletzt, haben gelbe Stellen und Löcher.

»Du siehst nicht gut aus, was ist denn los? Und wo ist deine Mutter?« fragt die Hainhexe leicht besorgt.

»Mama ist im Teich, sie sortiert und verteilt den heutigen Eintrag, wie jeden Tag. Ich war Heute auch auf der Suche, ich durfte den Bach hinauf wandern, um mehr Eintrag zu sammeln und die Anderen im Teich zu unterstützen. Die Schmerlen und Pangas haben ja grade ihre Brut, sie sind immer hungrig.« sagt der kleine Wasserling aufgeregt.

»Dabei bin ich ganz weit hinauf gewandert, das Wasser wurde schon viel kälter und schneller dort. Und dann… dann hat mich ein Ferae angefallen. Ich habe ihn noch gegrüßt, und er hat mich gebissen. Ich war noch direkt am Bach, er hat mich gebissen, hat mir die Algen im Bein zerrissen! Ich… Ich hatte Angst, dass ich mein Bein verliere!«

»Ich bin in den Bach gefallen und zurückgetrieben, direkt zurück in den Teich, und Mutter hat mich gleich zu dir geschickt, um dich um Hilfe zu bitten!« sagte der junge Wasserling schaudernd und zitternd.

Ismarinja steht auf, zieht ihren bunt bestickten Umhang über die Schultern und geht in Richtung des Kräutertisches, der voller Schalen und Dosen mit verschiedensten Kräutern, Extrakten und Salben unter dem runden Fenster steht. Sie denkt kurz nach, nimmt aus einer Schale ein paar getrocknete Himbeeren und tritt zur Mitte ihrer Hütte, wo sich eine stattliche Nepis-Raupe an einem aus der Decke hervorstehenden Stück Holz festgekrallt hat.

Sie gibt der Raupe die Beeren und man hört nur ein leises Klappern und Schmatzen, als die Raupe sich an dem dargebotenen Obst gütlich tut und die so gewonnene Energie auch gleich in ein kühles, blaues Licht umwandelt, das den ganzen Raum hell beleuchtet.

»Ja, natürlich helfe ich dir! Komm erstmal rein. Warte, ich hole dir einen Eimer Wasser, damit du nicht noch mehr austrocknest.« sagt die ältere Frau, nimmt den Eimer Wasser neben ihrem Kräutertisch, und stellt ihn zusammen mit dem Schemel vor ihren Sessel neben die Tür.

Der Wasserling nickt erleichtert und setzt sich auf den Schemel. Er entspannt sich sichtlich, als er seine Füße fast bis zu den Knien ins Wasser des Eimers senkt. Die Wasserlinsen beruhigen sich etwas, und auch das kühle, blaue Licht scheint seinen aufgewühlten Geist zu beruhigen.

»Nun berichte mir nochmal, was genau passiert ist, ganz ruhig und entspannt.« sagt die Hainhexe zu dem verletzten und verunsicherten Wasserling, der auf dem Schemel sitzt und erschöpft die Pflanzen in und auf seinem Körper richtet.

Der Wasserling blubbert leise, richtet sich noch die Seerosenblätter, und beginnt mit konzentrierter Stimme zu erzählen: »Ich bin Heute den Bach hinaufgewandert, um die Gaben der Bäume und anderen Pflanzen zu sammeln, die dort eingetragen wurden und uns im Teich helfen können. Wir brauchen ja gerade viel, es gibt mehrere Bruten von verschiedenen Bewohnern bei uns im Teich, und Mutter ist in Sorge, dass die Vorräte nicht reichen könnten. Sie sorgt sich, dass es zu wenig ist, zu wenig für uns alle und auch noch die Jungen, die dann kommen werden.

Nachdem ich Alles, was ich in den oberen Bereichen des Baches fand, mit dem Blasentang zu einem Paket gebunden und hinabgeschickt hatte, bin ich noch weiter hinauf gegangen, immer entgegen der kalten Strömung. Ich wollte weitersuchen, um sicher zu gehen, dass ich wirklich Alles hinuntergeschickt hatte.«

»An einer seichten und deutlich schneller fließenden Stelle viel weiter oben, schon am Rande der Hochländer, sah ich einen Ferae direkt am Ufer. Er war gerade am Trinken. Ich wollte hingehen und ihn fragen, ob er mir helfen könnte, mehr Material für den Teich zu finden.

Aber als ich ihn ansprach, kam keine Reaktion. Bei meinem zweiten Versuch schaute er mich nur sehr langsam an und blinzelte. Ich ging näher heran, ich dachte, er hätte mich nicht gehört, ich dachte, er wäre freundlich. Und … er muss sich erschreckt haben, denn dann stellte er sein Nackenfell auf, sprang in das seichte Wasser, und … und er hat mich gebissen!«

»Ich … Ich verstehe es nicht, ich habe nichts getan, ich war ganz zurückhaltend und freundlich. Auch die Ferae weiter oben kennen doch Wasserlinge, wir sind doch Freunde, seit die alten Bäume im Wäldchen gewachsen sind. Er sollte mich erkennen, zumindest meine Art, wir helfen ihnen doch auch immer hier am Teich, mit ihren Jungen in den warmen Sommern.  Dieser Ferae oben am Bach hatte sogar das gleiche Fellmuster wie die Ferae hier zwischen den Bäumen und Bächen im Wäldchen, nur mit etwas anderen Farben.«

»Ist jetzt alles gut? Hast du Schmerzen oder fehlt dir Etwas?« fragt Ismarinja, während sie sich umdreht und den Blick suchend über ihren Kräutertisch schweifen lässt.

»Nein, ich habe mich direkt nach dem Angriff vom Bach wegtragen lassen, direkt bis zum Teich. Aud dem Weg war ich vom Wasser umschlossen, und Mutter hat mir das Bein gleich versorgt, die Fiederalgen in Form gebracht und alles wieder einigermaßen hergerichtet. Meine Pflanzen müssen jetzt nur wieder gedeihen, sich vom Biss und Schrecken des Angriffs erholen. Ich sollte in ein paar Tage an der Oberfläche auf den Seerosen im Teich verbringen und es wird wieder Alles gut sein, meinte sie.« Der junge Wasserling spricht mit deutlich ruhigerer Stimme. Auch die Wasserlinsen auf seinem Äußeren bewegen sich schon sehr viel langsamer und entspannter.

»Aber Mutter war sehr beunruhigt, sie wollte, dass ich dir gleich erzähle, was mir geschehen ist. Es ist ungewöhnlich, dass ein Ferae so aggressiv ist, seine Freunde und Verbündeten nicht erkennt, hat sie gesagt. Ich soll dich bitten, dieser Frage nachzugehen, in Gedenken an unsere lange Tradition der gegenseitigen Hilfe. Sie kann den Teich zurzeit ja nicht selbst verlassen, nicht bevor die Brut geschlüpft und versorgt ist.«

»Sie bittet dich, Tante Isa, als erdgebundene Freundin des Teiches, am Bach entlang aufwärts zu gehen und Kontakt zu den Ferae und anderen Wesen am Rande des Hochlands aufzunehmen.«

»Vielleicht kannst du herausfinden, was diesen Angriff provoziert hat und helfen, Wiederholungen zu vermeiden. Dem Teich hilfst du damit auf jeden Fall, wir alle warten schon auf die Sameneinträge der Hochlandgräser und Bäume, die ja bald anstehen. Und wenn die Ferae und andere Tiere nicht mehr zum Bach kommen, dann… Dann sieht es schlecht aus für die Brut in diesem Sommer…« wiederholt der Wasserling langsam aus dem Gedächtnis, es wirkt, als würde ihm damit erst klar werden, was der unprovozierte Angriff auf ihn bedeutet, und was die Folgen davon für das Wäldchen und seinen Teich sein könnten.

»Die Mutter des Teiches fragt, ob ich den Bach hinaufwandern könnte, um ein Verhungern der Brut dieses Jahres zu verhindern.« wiederholt Ismarinja bedächtig mit besorgter Stimme, während sie scheinbar in Gedanken versunken am Kräutertisch steht und im hellen Nepislicht getrocknete Kräuter sortiert.

»Ja, Tante Isa, es wäre wichtig, sagt sie.  Die Aggressivität ist überraschend, erschreckend für uns alle. Alle sind sehr verunsichert, meine Brüder und Schwestern im Teich, Fische, Vögel und sogar die Bäume waren sofort beunruhigt, als ich von dieser Begegnung berichtete.« sagte der kleine Wasserling mit deutlich belegterer Stimme als noch eben.

Die Hainhexe nickt langsam. Sie schüttelt sich leicht und zieht ihren Umhang etwas enger. »Ja, das ist vermutlich der beste Weg. Ich stehe in der Schuld der Wasserlinge, und der Teich ist mit dem Wäldchen so fest verbunden, die Sicherheit muss gewahrt bleiben.«

Sie nickt erneut, drückt ihren Zeigefinger auf ein violettes Ocrimun-Blatt, ballt ihre Hand mitsamt dem Blatt zur Faust und murmelt sacht ein paar Worte – Das Blatt wird dunkler, bekommt grüne Flecken und rollt sich an den Rändern ein. Ismarinja benetzt das Blatt beidseitig mit Honig aus einem kleinen Topf und gibt es dann vorsichtig an den Wasserling.

»Hier, bring das der Mutter, und nimm ruhig etwas von dem Honig, er ist gemischt mit Tau und Birkenrinde, es sollte deinen Blättern helfen, schneller wieder zusammenzufinden.« sagt sie mit fürsorglicher Stimme.

»Ich packe und werde mit dem ersten Sonnenlicht den Bach hinauf gehen. Ich werde dem Bach meine Nachrichten auf Ocrimun-Blättern wie diesem hier anvertrauen. Sag bitte auch all deinen Brüdern und Schwestern und allen Freunden des Teiches und des Wäldchens, sie sollen darauf achten, dass diese Blätter die Mutter erreichen, ihr werdet die eingeflossenen Nachrichten in den Blättern selbst erkennen.«

»Ja, Tante Isa, das mache ich – Danke, du uns Allen einen Stein von der Seele, danke, dass du dies auf dich nimmst! Ich wünsche dir viel Licht und Regen auf deiner Reise.« sagt der Wasserling, der das Blatt vorsichtig in den Mund nimmt, aufsteht, und die Hütte rasch in Richtung Teich verlässt.

Ismarinja stellt den noch feuchten Schemel zurück und hebt den Eimer mit dem Wasser des Wasserlings auf den Kräutertisch. Hier füllt sie den Inhalt vorsichtig in mehrere Flaschen. Das Wasser ist nach der kurzen Berührung mit dem Elementarwesen immer noch erfüllt von Resten schwacher Magie, selbst innerhalb der Flaschen ist es voller Bewegung und durchsetzt mit grünen Pflanzenstückchen.

Zwei der Flaschen stellt sie in ihre Kommode, eine verschließt sie nochmal gut und packt sie in einen kleinen Beutel, zusammen mit einigen anderen Kräutern und Salbendöschen. Der Beutel kommt in ihre Reisetasche, zusammen mit ihrer Ersatzkleidung, Decke und Besteck, gut verpacktem Fladenbrot, Trockenobst und Honig. Ein kleines Messer hängt sie an dem um ihre Hüften gewundenen, fein bestickten Gürtel, über einem langen, grünbraunen Kleid aus warmer Brennnessel und Windenfasern.

Nachdem sie ihre Tasche auf den Rücken geschnallt und die schweren Lederstiefel angezogen hat, hängt sie ihren dünnen, bestickten Überwurf über ihren Sessel, tritt vor ihre Hütte und wirft sich den groben, gewachsten Umhang mit eingenähten Esquoiadenblättern über die Schultern. Damit ist sie auch gut vor Regen und Kälte geschützt, sollte es nötig werden.

Ismarinja schließt ihre Augen, tritt mit erhobener linker Hand an den Baum heran, der mit seinem Körper eine Seite ihrer Hütte bildet, und sie spürt sofort die Ruhe, das Pulsieren der Säfte des Baumes, die aufsteigende Wärme und sogar das leise Flüstern der Nepis-Raupe in ihrer Hütte.

Die Säfte fließen langsam durch den großen Nipoya, der ihr ein Heim bietet, von den Wurzeln zu den Blättern und wieder zurück, mit der Energie der Sonne aufgeladen. Der Baum verteilt die Energie aus den Blättern in der ganzen Pflanze, bis zum Boden, zu der Nepis-Raupe und über die Wurzelverbindungen auch zu den anderen Bäumen im Hain. Mit Hilfe der mit den Bäumen und den Bewohnern des Teiches verbundenen Erdlinge kommt die Energie aus den Baumkronen sogar bis in den Teich selbst.

Mit geschlossenen Augen genießt sie kurz das Gefühl der aufgehenden Sonne auf den Blättern der Hainbäume. Dann verabschiedet sie sich von ihrer Hütte und dem Hain um sie herum, und macht sich auf den Weg in Richtung der Hochländer. Entlang der Pfade durch den Hain nimmt sie noch ein paar Beeren und frische Wasserkastanien mit, die sie als Wegproviant in den Taschen ihres Kleids verstaut.

Solch eine Wegzehrung ist immer eine Freude und Ismarinja ist guter Dinge – die Sonne scheint frisch und hell am Morgen, es liegt ein leichter Dunst im Hain und über dem Bach und all seinen Verzweigungen, sie sieht die Enten, Störche und Wasserlinge im Sumpf spielen und die Gaben der Pflanzen um sie herum im Wasser sammeln. Sie geht etwas schneller voran, denn es gibt keine Zeit zu verlieren, sie will ja auch schnell wieder zurück sein, um beim Schlüpfen der Brut im Teich im nächsten Mond dabei zu sein und mitzuhelfen.  Das Schlüpfen ist einer ihrer liebsten Momente im Hain, ihre schönste Erinnerung für das ganze Jahr.