Ismarinjas Reise I

Der Weg entlang des Bachs gen Nordosten ist länger, als es den Anschein hat. Der Bach ist gewunden, es gibt Überschwemmungsbereiche, weitläufige Wäldchen mit Brombeerhecken und Weidendickicht entlang der Strecke.

Ismarinja umgeht diese Bereiche lieber, hält aber immer ein Auge auf den Lauf des Wassers zu ihrer Linken, und sie wählt ihren Weg immer entgegen der Strömung. Der ruhige, gewundene Fluss des Baches und die Fülle an Leben, die von ihm ausgeht, gibt ihr selbst eine innere Ruhe und Zufriedenheit, hier spürt sie die Grundlage ihrer Existenz.

Voller Eleganz streifen Vögel, Isopta, und alle möglichen anderen Tiere lebhaft durch die Äste und Blätter im Bachsumpf, er ist überwuchert von Weiden und Holunder. Die Luft selbst scheint zu summen, sie ist erfüllt von Leben, kleine und große Bienen und Mücken, die Blüten besuchen und dort Pollen und Nektar sammeln, sie sieht Wasserschmetterlinge, Libellen und größere Isopta, die einfach nur durch die Luft gleiten und manche, die den Vögeln bei der Jagd nach kleinerer Beute Konkurrenz machen. Man sieht sie auf den dickeren Weidenästen sitzen, wo sie ihre Beute verspeisen. Die unverspeisten Reste ihrer Beute fallen wieder zurück in den Bach, wo sich kleine Fische, junge Isopta-Larven und dicke Kaulquappen darauf stürzen.

Sie wandert immer weiter, trinkt aus dem Bach, isst von ihren Vorräten, von den Beeren und Früchten, die sie am Bachufer und in den angrenzenden Wiesen und Wäldern findet.

 Die Reise geht gut voran, der Nachmittag des ersten Tages ist noch etwas schwermütig, denn sie übertrat zum ersten Mal seit langer Zeit die Grenze zu “ihrem“ Hain, aber das Wasser, die Pflanzen, und das ganze Land entlang des Baches sind so voller Leben, ihre schiere Existenz ist eine Freude, sodass ihre Laune die dunkleren Gedanken der Sorge schnell wieder überwindet.

Gen Abend sinkt die Sonne hinter die langsam näherkommenden Hügel, und Ismarinja fällt erst jetzt auf, dass sie in den letzten Stunden ihres Weges schon eine gute Steigung hinter sich gebracht hat. Sie stößt hier seltener auf große Bäume, das Wasser wird kühler und es deuten sich in der Ferne, fast schon fließend im Abendlicht die Ebenen der Hochländer an.

Morgen sollte sie den von Sesliab in seinem Bericht beschriebenen Teil des Baches erreichen. Aber jetzt ist es an der Zeit für ihre Rast, hier, an einer stattlichen Weide, etwas abseits des Wasserlaufs. Sie spürt die Magie des Wassers im Baum und im Boden bei ihr. Ein flacher Stein als Grundlage, ein paar gewachste Flauschsamen, eine kleine Schale mit frischem Wasser und Kräutern vom Bachufer werden, zusammen mit den gefundenen Wasserkastanien, etwas Brot und getrockneten Sotolonn-Blättern, zu einer guten, warmen Abendsuppe.

Die Suppe verspeist die Hainhexe bedächtig, dann legt sie ihre Tasche als Polster zwischen zwei dicke Wurzeln der Weide, setzt sich darauf und schmiegt sich halb sitzend an den Stamm. Ihr Geschirr lässt sie, wie sie es immer tut, mit einem Rest ihrer Suppe, etwas abseits zum Bach hin stehen, damit hungrige Bewohner des Baches und vielleicht auch der eine oder andere Wasserling davon nehmen können, während sie ihre Nachtruhe verbringt.

Zum Einschlafen zieht sich den Umhang bis zum Kinn, bevor sie in der lauen Abendsonne einnickt. Das Leben um sie herum wird auch ruhiger, es wird niemals wirklich still, aber die Nacht am Bach ist deutlich ruhiger als die Nachmittags- und Abendstunden.

Die Morgensonne kitzelt an Ismarinjas Wimpern, zusammen mit ein paar Demaptera, die gerade dabei sind, sich Haare aus ihrem Wollumhang zu ziehen, um ihre Legestätte damit zu polstern. Die Hexe schaut ihnen bei ihrem triebsamen Schaffen verschlafen zu, dann lächelt sie, sammelt ein paar Flusen von ihrer Kleidung und hält sie den kleinen Insekten hin, die sie schnell aufnehmen und an der Weide hinaufklettern.

Ihre Schüssel und das Besteck liegen, leer und sauber geputzt, an der Stelle, wo sie sie gestern platziert hatte. Daneben liegt ein Ocrimun-Blatt mit einer kurzen Nachricht:

»Vielen Dank für deine Gaben, sie haben uns Allen die Nacht erleichtert« – Ephislias

Lächelnd packt die Hainhexe ihr blitzblank gesäubertes Besteck ein, bringt den Stein zurück zum Bachlauf, legt ihre Hand auf den Stamm der Weide, dankt ihr so für das Obdach in der Nacht, und macht sich dann weiter auf den Weg.