Issarya

Eine Geschichte aus einem Prompt von einer Freundin (Danke Mellie!)

Issarya war erstaunt. Diesen Bereich des Waldes hatte sie zuvor schon betreten, aber diese Ruine hier war ihr unbekannt. Vollkommen unbekannt.

Es war ein seltsamer Anblick. Ein aus großen, behauenen Felsblocken erbaute Schloss, offensichtlich schon lange verlassen, vielleicht war es sogar ein Relikt noch aus der vorletzten Zeit.

Die Runen, die überall durch den dichten Bewuchs aus Efeu und Mirilliabeeren durchschienen, waren eindeutig magisch, sie leuchteten, atmeten fast schon in verschiedenen Farben, wechselten kontinuierlich Form und Farbe, aber nicht die Position auf den massiven Blöcken.

Sie ging weiter hinein, ihren Reitlybis hatte sie an einen Baum gebunden, das große Katzenwesen wollte sowieso nicht näher an diese seltsam leuchtende Ruine heran.
Aber ihre Neugierde war geweckt.

Nach ein paar Schritten in die halb zerfallene Ruine hinein, stand sie vor einem großen Steinbogen, der mit dunkelviolett leuchtenden Runen beschrieben war.
Aber der Bogen war komplett ausgefüllt mit kleinerem Mauerwerk, nein, mit geschichtetem Stein. Helle, leuchtend gelbe Linien zeichneten die einzelnen Steine innerhalb des Bogens nach. Es gab auch noch kleinere Runen der gleichen Farbe überall auf den Steinen.

Issarya erkannte eine dieser Runen – Ihre Großmutter hat ihr früher mit einem alten Zauber auf großen Boragoia-Blättern bunte Lichter tanzen lassen, und sie glaubte, hier auf dieser Mauer einige dieser ihr damals schon unbekannten Zeichen wiederzuerkennen.

Vorsichtig berührte sie mit einem Finger eine solche hellgelbe Rune, die darauf sofort reagierte.
Erschrocken zog sie die Hand zurück, aber es war zu spät – Die hellgelbe Rune verfärbte sich, wurde ebenso violett wie der Bogen über ihr, und danach fiel sie in sich zusammen. Die ganze, von gelben Runen bedeckte Mauer im Bogen fiel in sich zusammen und … verschwand im Nichts.

Es blieb nur ein unruhig wabernder, offensichtlich magischer Durchgang zurück.

Die Prinzessin war misstrauisch – Es war ganz klar alte Magie, aber diese Magie war immer zweideutig. Man musste die Energien ausgleichen, und gerade eben waren einige Steine auf magische Weise in dieses Portal gezogen worden.

Sie erinnerte sich – Ihre Großmutter sagte, diese Runen, die denen auf den Steinen so ähnlich sahen, waren die alten Zeichen ihrer Familie, Zeichen für Schutz und Segen. Sie wusste nie, was Ismarinja damit meinte, aber sie hatte einen Verdacht.

Vorsichtig steckte sie ihren Arm in diesen Durchgang, in das Portal – Sie spürte … nichts. Als sie ihn zurückzog, war der Ärmel verschwunden, glatt abgeschnitten, mit einer leicht wabernden Kante. Aber auf ihrem unversehrten Arm leuchteten die gleichen Runen. Nach kurzem Zögern legte sie ihren Umhang, Bogen und Dolch ab und sprang mit nichts außer dem königlichen Kleid (dem ein Ärmel fehlte) durch das Portal.

Es war… seltsam. Ein kurzes Gefühl, wie ein Tauchgang in eiskaltem Wasser, dann war es schon vorüber.

Sie stützte sich benommen an die Wand, wo sich gleich von ihrer Hand ausgehend die bekannten gelben Runen auf dem Gestein verteilten und immer heller wurden.

Schnell nahm sie die Hand wieder weg – sie wollte keinerlei Aufmerksamkeit, schon garkeine leuchtenden Runen und magisches Geknister, sie wusste ja nichtmal, wo sie überhaupt war.

Ein schneller Blick zeigte, dass sie in einem dunklen, hohen Raum war, eine alte, heruntergekommene Haupthalle, ein Eingang wie zu einem alten Schloss. Um sie herum waren massive Mauern, hohe Fenster und stabile Türen, die aber gebrochen in den Angeln hingen.

Zu ihren Füßen lagen wabernd die zerrissenen Reste ihres Kleides, und etwas weiter von ihr weg lag der zerrissene Ärmel. Durch ein Loch in der Decke schien einer der beiden Monde, der rosane Eray, schwach auf ihren Körper.

Ihre Elfenaugen stellten sich schnell auf das Mondlicht ein, und sie sah am Ende des länglichen Raumes… keinen Thron, sondern einen Schatz, einen Haufen aus Münzen und Metallen – Gold, Silber, Platin und Iridium.

Und darauf lag, mit weichen Kissen und Fellen gepolstert, ein junger Mondsteindrache. Sie hatte noch nie einen solchen Drachen gesehen – Es waren mythische Wesen, berühmt für ihre Goldgier, Brutalität und … Dummheit.

Schon seit mehreren Generationen gab es keine solchen Drachen mehr im Reich ihrer Familie, die letzten Mondsteindrachen wurden von den vereinten Elfenheeren weit in den Westen getrieben, dort hausten sie jetzt in den Steppen und stritten sich um Ziegen und anderes Futter.

Nun stand sie solch einem Biest gegenüber – Allein, praktisch nackt und an einem unbekannten Ort. Das waren keine guten Umstände.

Issarya sah sich genauer um, dieser Saal war voller prunkvoller Einrichtungsgegenstände, sie sah sogar Teile von Rüstungen und Waffen herumliegen,

Sie fasste sich ein Herz und schlich vorsichtig durch den Raum, nahm einen langen Elfendolch vom Boden und schlang sich den Gurt sogleich um die Hüften, dazu noch eine Waldläuferhose und -Tuch.

Als sie dem schlafenden Drachen näherkam, löste sie irgendwie ein Geräusch aus, ein leises Scheppern, als ein zerbrochener Stuhl auf eine Bronzeschale fiel.

Dies ließ den Drachen abrupt aufschrecken.
Mit lautem Zischen und Dampf aus den Nüstern öffnete er langsam die Augen, sah sofort die Elfenprinzessin und fixierte sie.

„Wer bist du? Sind schon wieder neue Tribute angekommen?“

Er drehte sich zur Seite, und Issarya sah, wie der Drache in einen herumliegenden Schafskadaver biss, und diesen mit lautem Knirschen zwischen den Zähnen zermalmte.

„Gut, das ist auch angemessen!“

„Ah, ehm… Euer Hoheit“ Die Worte kamen Issarya langsam und schwer über die Lippen. „Es ist eine besondere Sache, diesmal, wenn ihr einen Moment Zeit habt?“

Der Kopf des Drachen schnellt zurück, mit Fetzen verrottendem Schaf auf den Lefzen.
„Ja, wenn es sein muss, was gibt es denn diesmal, haben die Vasallen wieder versagt, muss ich es wieder regeln?“

Mit einem abfälligen Grunzen schiebt sich der Drache von seinem Lager. Er wirkte doch nicht so beeindruckend, als er dann mal auf allen Vieren stand. Nur etwa doppelt so groß wie ein menschliches Pferd.

„Nun, es gibt eine Besonderheit, euer Hoheit.“ „Eure magische Expertise ist gefragt, und es könnte von Interesse für euch sein, Hoheit.“

„Hoheit… Ich mag das, Jüngling, das gefällt mir!“ grollt der Drache geschmeichelt. „So zeige mir das Problem!“

„Ja, natürlich, folgt mir, es ist nicht weit, es geht um ein Portal, das sich vor Kurzem auftrat.“

„Oho, ein Portal?“ Der Drache wirkt amüsiert. „Portale sind Kinderspielzeug, sie sind den Aufwand nicht wert. MEIN Volk kann einfach fliegen.“ sagt das nun aufgerichtete Reptil abfällig. „Aber ich verstehe, dass euresgleichen vor solcher Magie Angst hat.“

„Ja, es ist gleich hier, im Saal, schaut!“ Issarya geht zurück und hält ihre Hand in die Nähe der Wand, die daraufhin schwach zu leuchten beginnt.

„Oh, das sieht ja sogar aus wie alte Drachenmagie! Spannend – Aber wertlos. Ich habe keine Verwendung. Geht einfach nicht hindurch, es ist nur ein schwacher Zauber.“ meint der Drache abfällig und dreht sich langsam wieder zu seinem Goldschatz hin.

„Aber… Aber was ist auf der anderen Seite? Ich habe gehört, es gäbe Geräusche, wer weiß, was dort ist – Magie, Schätze, Sklaven?“

Der Drache wirkte auf einmal wieder interessierter und fokussiert das schwache Leuchten.

„Hmmm… Jaaa… Ich sollte vielleicht doch mal schauen. Aber Zuerst muss es fixiert werden. Ich muss es mir näher anschauen“ sagt der Drache und kommt dem Portal in der Wand näher.

Er murmelt einige Phrasen, die keinen sichtbaren Effekt zeigen.

„Hmmm… Das ist seltsam, ich will es öffnen, aber es gibt keine Reaktion. Es brauch vermutlich mehr Energie.“ sagt der Drache und kommt näher an das Portal.

Auch Issarya geht näher heran, und das Portal wird stärker und heller.

„Aaaah, ja, so ist es – Auch alte Magie kann einem fähigen Drachenhirn nicht widerstehen. Dann wollen wir doch mal schauen, was es dort drüben einzupacken gibt!“ sagt der Drache selbstgefällig, als das Portal sich langsam vor seinem Kopf manifestiert, während Issarya langsam die ganze Handfläche auf die äußere Runenlinie legt.

„Jüngling, ich werde mich dieses Problems annehmen, warte hier und sage den anderen Bediensteten, dass ich bald wieder zurück sein werde!“ Mit diesen Worten steckt der Drache seinen Kopf und Hals durch das Portal und bewegt sich langsam hindurch, durch den wabernden Kreis im Mauerbogen.

„Jawohl, euer Hoheit, so wird es geschehen!“ sagt Issarya, und tritt mit gesenktem Kopf ein paar Schritte zurück.

Damit schließt sich das Portal natürlich sofort wieder, und der Drache wird in der Mitte durchgeschnitten. Mit einem dumpfen „plumps“ fällt der hintere Teil des Mondsteindrachens sauber durchtrennt auf die Seite und verschmiert Wand und Boden mit Dracheninnereien und -Blut.

Issarya setzt sich, benommen vom Erfolg ihres aus der Not geborenen Gedankens. Am mit Reichtümern überladenen Tisch sitzt sie nun und überlegt, was sie tun soll – Soll sie die Reste des Drachens und den Schatz zurückschaffen auf das Gut ihrer Familie, und dort dann mit dem abgetrennten Kopf des Mondsteindrachens den uralten Titel des Drachentöters beanspruchen?

Oder soll sie vorerst hier bleiben und schauen, was diese seltsame Welt noch an Schätzen und Wundern birgt, wer die Diener dieses verächtlichen Drachens sind und was sie hier noch über diese seltsame Magie erfahren kann, die ihr offensichtlich innewohnt?

Issarya denkt kurz nach, schaut auf den Wald hinter den bunten Glasfenstern, auf den Dolch an ihrer Seite und kichert. Entschlossen geht sie auf das Portal zu und setzt zum Ruf nach ihrem Reitlybis an – Er würde kommen, wann immer sie ihn ruft.

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